Über das Warten

Neulich kam ich ins Grübeln. Es ist doch so: Ständig warten wir auf etwas. Im Grunde besteht unser ganzes Leben aus Warten. Wir müssen 9 Monate warten, bis wir unseren Eltern zeigen können, wer für die nächsten Jahre der Boss in der Familie sein wird. Wir warten auf den Kindergarten, die Grundschule, Sekundarschule oder Gymnasium. Nachdem wir alles das hinter uns gelassen haben, müssen wir wieder warten - auf einen Ausbildungs- oder Studienplatz, nur um danach einem Arbeitsplatz entgegenzuwarten.

 

Bis hierhin haben wir uns einen Großteil unseres Lebens in eben jener Warteposition befunden. Und wer jetzt denkt "Das alles sind doch nur kurze Phasen! Ein paar Wochen - nicht mehr.", der irrt. Warum? Darum: Wir alle warten noch auf so viel mehr in unserem Leben: Da ist der erste Kuss, den wir irgendwann kaum noch erwarten können. Vielleicht ist damit auch die erste Liebe verbunden - falls nicht, heißt es: Warten. Und wenn sich die erste Liebe nicht als eine "Und wenn sie nicht gestorben sind..."-Geschichte entpuppt, wartet man irgendwann nur noch darauf, dass der erste große Trennungsschmerz endlich vorübergeht.

Wir warten darauf, endlich den Führerschein machen zu können. Dann ist da dieser Drang, endlich das Elternhaus verlassen und lernen zu können, auf den eigenen Beinen zu stehen. Mit großer Neugierde warten wir auf die erste eigene Wohnung, die ersten WG-Erfahrungen, den ersten Sonntag ohne Mittagessen von Mutti... Es ist die Selbstbestimmung auf die wir letztlich warten. Und die große Liebe. Voller Spannung warten wir auf den ersten gut bezahlten Job, nur um schon bald auf den wohlverdienten Urlaub zu warten. Hat man dann endlich seine eigene Familie, wartet man irgendwann nur noch darauf, dass die Kinder endlich das Haus verlassen, um der restlichen Wartezeit, die sich Leben nennt, gelassen entgegenzublicken.

 

Zugegeben, es klingt schon ziemlich zynisch, aber irgendwann beginnt man damit, auf den Tod zu warten. Machen wir uns nichts vor - so ist es! Die einen warten auf ihn mit mehr Gelassenheit, als manch andere es tun - aber immerhin: Wir alle warten. Wir wissen nicht, ob sich das Warten lohnt, aber wir warten. Immer und ständig. Wir warten tatsächlich unser ganzes Leben und in so vielen unzähligen Situationen. Eigentlich könnte man das Leben als eine riesige Wartehalle betrachten. Und wenn ich jetzt so darüber nachdenke, dann... ...ah... ENDLICH... da ist er ja ... mein Zug Richtung Heimat. Dass man aber auch ständig auf die Bahn warten muss. Furchtbar, dabei geht einem immer so krankes Zeug durch den Kopf...

 

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